• Absolut Anna

Es war einmal...

Am 20.08 um 00:13 stand die Welt still. Alles war ruhig bis die Stille von einem Schrei durchbrochen wurde. Da wurde mein Sohn geboren.

Aber beginnen wir nochmal von vorne....


40 Wochen habe ich ein kleines Wunder unter dem Herzen getragen und am 19.August sollte unser kleines Murmelchen eigentlich das Licht der Welt erblicken. So zumindest die Aussage kundiger Fachärzte. Doch aufgrund einiger schlimmer Ereignisse in unserer genetischen Blutlinie waren wir uns mit den Ärzten einig, dass wir am ET einleiten würden, wenn sich der kleine Mann bis dahin nicht von selbst auf den Weg machen wollte.

Die Schwester meiner Mutter hatte eine Todgeburt aufgrund von Übertragung und nachdem auch meine betreuende Ärztin die Meinung vertrat, dass man dieses Risiko nicht eingehen müsste, hatten wir uns darauf geeigt einzuleiten.

Ich bin, dass muss ich vielleicht erläuternd dazu sagen, ein kleiner Hypochonder und was Krannkheiten angeht, schlimmer als jeder den ich kenne. Meine Grundausstattung ist immer eine Flasche Desinfektionsmittel. No more words needed. Und die gesamte Schwangerschaft über war ich schon immer hypervorsichtig. Jedes Ziepen wurde misstrauisch gefühlt, jede Übungswehe habe ich mental 1000fach analysiert, ob es nun wirklich nur eine Übungswehe oder vielleicht der Anfang der bevorstehenden Geburt ist. Aber man ehrlich... wenn man - wie ich - das ERSTE Kind erwartet, hat man keine Ahnung. Auch die manigfaltigen Erzählungen von Freundinnen, Verwandten und Bekannten machen es nicht besser. Es beruhigt einen kaum zu hören, dass die Mutter damals bei der eigenen Geburt fast gestorben wäre. Es beschwichtigt einen nicht, wenn man liest, dass manche Mütter über TAGE in den Wehen liegen, um dann letztlich doch nur die Variante Kaiserschnitt zu haben. Man macht sich wahnsinnig, weil man UNWISSEND ist. Auch die facettenreiche Lektüre online oder in den unzähligen Schwangerschaftsratgebern schaffen es nicht, dass man weniger Angst hat. Ich zumindest. Als absoluter Ordnungsfanatiker und Mensch, der immer und über alles die Kontrolle haben möchte, ist es das absolute persönliche Hieroschima, UNWISSEND zu sein, über das was kommen wird. Also habe ich die letzte Woche vor ET so gut wie nicht geschlafen. Zum einen, weil es mein Körpervolumen quasi unmöglich gemacht hat, eine angenehme oder erholsame Schlafposition zu finden. Selbst wenn das nicht gewesen wäre, hätte mich meine Studentenblase, die im Laufe der Schwangerschaft auf die Größe einer Erbe geschrumpft ist, nicht schlafen lassen, denn gefühlt war ich nur noch Pinkeln.

Aber es war meine lebhafte Phantasie und mein Gedankenchaos, was mich wach hielt. Ich spielte alle denkbaren Szenarien im Kopf durch, nur um irgendwie das Gefühl der Kontrolle zu bekommen. PUSTEKUCHEN. Ich hatte einfach keine Ahnung. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde im Zuge der Einleitung. Ich wusste nicht, ob ich spontan gebären könnte, wusste nicht, wie es sein würde: die Schmerzen, der Druck, die Angst, der Zauber?!

Und im Nachhinein kann ich es bestätigen: es ist die größte Grenzerfahrung, die eine Frau machen kann.

Aber eins nach dem anderen. Meine Hebamme - die beste, beste, beste Hebamme der Welt :-) - hat mir alle Hausmittelchen erklärt, die es wohl gibt. Himbeerblättertee, Senfkörner-Fußbad, weiß der Geier was noch alles. Ich muss gestehen, ich erinnere mich nur noch dunkel daran. Ich weiß aber noch zu gut, dass ich ALLES probiert habe, damit ich um die Einleitung herum komme. Aber mein Kind - schon im Bauch ein echter Charakterkopf - hatte seine eigene Vorstellung davon, wann er auf die Welt kommen wollte. Und so kam es, wie es kommen musste. Ich fuhr mit meinem Mann am 19. August 2016 morgens um 08.00 Uhr nach Speyer ins Diakonissen Krankenhaus, um mich stationär aufnehmen zu lassen. Es war ein seltsames Gefühl zu wissen, dass heute oder zumindest in den nächsten Stunden irgendwann, aber dafür sehr sicher mein, unser Kind auf dieser Welt sein würde. Ein beängsigendes, wenn auch erlösendes Gefühl. 40 Wochen voller Anspannung, Vorfreude, Sorge, Aufregung, Bangen, Hoffen, würden jetzt ein Ende finden.

Pünktlich um 09.00 Uhr wurde ich auf mein Zimmer geführt, konnte meine gigantomanische Klinik Tasche in einen Spind einschließen und wurde zu Hebamme No.1 für diesen Tag geführt, die mir die erste 1/4 Tablette zur Einleitung verabreicht hat. Ich wurde ans CTG angeschlossen und lag da. Ich habe so tief in mich hineingefühlt, habe jedes Mini Bizzeln, Ziepen oder ähnliches als Anzeichen gedeutet, dass es gleich los gehen könnte. Aber nix da.

Der ganze Tag bestand daraus, dass ich von einer Schwester zur nächsten und on einer Runde Spazieren und Treppenlaufen zur nächsten geschickt wurde. Denn ausser den seichten Wellen, die man vielleicht als Vorwehen bezeichnen konnte, war da ... NIX.

Das Mittagessen kam und ich wählte ein Käsebrot. Es war ein warmer Sommertag und mein Mann, der die ganze Zeit bei mir war und mir beistand, und ich setzten uns auf die Krankenhausterrasse. Was ich erst ein paar Minuten später bemerkte - die Terrasse war direkt an den Kreissälen gelegen. Und während mir der 3. Bissen meines Käsebrotes im Hals stecken blieb, liefen mir die Tränen übers Gesicht. Die Schreie, die Schmerzenslaute der Frauen, die gerade in den Wehen lagen und sich Ihren Weg durch die Fluten an Schmerz bahnten, trieben mir die Tränen ins Gesicht und ich werde nie vergessen, dass ich zu Thorsten sagte: ich schaffe das nicht. Ich bin nicht so stark, ich kann das nicht aushalten. Ich glaube ich schaffe das einfach nicht.

Es war ein Moment der Verzweiflung und ich habe mich so ohnmöchtig gefühlt. Das Warten, die Ungewissheit ließen mich an allem Zögern und Zweifeln. An mir, an meiner Kraft. Ich hatte jedoch zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung, an welche Grenzen mich mein Körper tatsächlich bringen würde.

Die Reise an diesem Tag ging so weiter, dass ich abends um 18.00 Uhr die Dritte 1/4 Tablette des Medikaments zur Einleitung nahm und die Hebamme mich noch an Ihre Kollegin übergab mit den Worten: Ich glaube nicht, dass sich heute Abend noch etwas tut, aber keine Sorge, dann machen wir morgen weiter...

Thorsten udn ich gingen auf das Zimmer und da ich noch nicht entbunden hatte, durfte er eigentlich nicht bleiben. Ich sagte, er solle sich keine Gedanken machen, nach Hause fahren und duschen, etwas Essen und wenn irgendwas wäre, würde ich mich melden.

Ich wollte nur noch kurz auf die Toilette gehen und dann mit ihm nach unten gehen, doch dann kam alles ganz anders, denn als ich auf Toilette war, kam da nicht nur Pipi, sondern es lief Wasser, das ich nicht kontrollierte. DIE FRUCHTBLASE WAR GEPLATZT. Mir wurde heiß, ich rief Thorsten und ab da ging alles einfach nur noch unheimlich schnell.

Die Fruchtblase was um kurz vor 20.00 Uhr geplatzt. Auf dem Weg zur Hebamme, die ich bitten wollte, kurz den Muttermund zu untersuchen und zu bestätigen, ob es sich wirklich um Fruchtwasser handelte, hatte ich von jetzt auf gleich Probleme überhaupt gerade aus zu laufen vor Schmerzen. Ich veratmete sogut ich ging eine Wehe nach der anderen, aber sie kamen zu schnell. Liessen mir kaum Raum mich zu präparieren. Die liebe Hebamme in deren Obhut ich mich für die nächsten 2 Stunden begab, bestätigte, dass die Fruchtblase geplatzt war und stellte den MUMU bei 6 cm fest. WOW! Doch schon.... und dann wurde es schlimm.

Die Schmerzen nahmen eine Dimension an, die ich nie erahnen konnte. Welle für Welle, Wehe für Wehe, es ging so schnell, meine Kräfte wurden zu schnell aufgebraucht und ich entschied mich für die PDA. GOTT SEI DANK, wie ich im Nachhinein sagen kann. Es war die richtige Entscheidung.


22.00 Uhr - es war wie ein Wink des Schicksals - begann die Schicht MEINER Hebamme, die mich während der gesamten SS hindurch betreut und auf das vorbereitet hatte, was nun folgen würde.

Kaum, dass Eva den Raum betreten hatte, fühlte ich mich sicher. Ihre Ruhe, Ihre Ausgeglichenheit, Ihre Kompetenz half mir, mich in einer Situation zu "entspannen" und mich auf das zu konzentrieren, was vor mir lag. Von den letzten 2 Stunden der Geburt weiß ich nicht viel mehr. Durch die PDA wurden die Presswehen zu "schwach" - Wehentropf. Gerade hatte ich das Gefühl bekommen, die Schmerzen auszuhalten, wurden sie wieder hochgefahren. Thorsten hatte sich einmal kurz verabschiedet. Als er sah wie ich kämpfe, wie ich die Schmerzen mit Lauten verarbeite, hat ihm kurz mal der Kreislauf versagt. Die Schwester hatte ihm kurzerhand einen nassen Lappen ins Gesicht geworfen, als er da kreidebleich auf dem Boden lag und kommentierte nur trocken: Entschuldigen Sie Herr Bartl, aber wir kümmern uns um Ihre Frau.

So schnell, wie er lag, so schnell kam er auch wieder hoch und dann nach einer Ewigkeit, gerade als ich der festen Überzeugung war, aufzugeben... war es geschafft. Bastian Benedikt wurde geboren. Mein Kind lag auf meinem Bauch, der nun so leer war und schrie. Das erste was ich wahrnahm waren die LANGEN strohblonden Haare. WAHNSINN! Ein kleiner Blondschopf.

Thorsten durfte die Nabelschnur durchschneiden und da war sie: Erleichterung, dass die Schmerzen vorbei sind. Glück, dass ich es geschafft habe, meine Grenzen zu überschreiten. Dass ich über mich hinausgewachsen bin. Dass ich LEBEN geschenkt habe.

Und mit der Sekunde, in der Bastian den ersten Schrei getan hat, hat sich unsere Welt von einer auf die andere Sekunde schlagartig verändert.

Und was es heißt eine Mama zu sein, dass habe ich erst dann begreifen können. Welche Verantwortung es mit sich bringt, welchen Schmerz man auch nach der Geburt noch auf sich nehmen muss, welche Eingeständnisse man macht, wieviel man aufgibt. Doch das ist eine andere Geschichte und will an einem anderen Tag erzählt werden. xoxo, Eure A.






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